We are a singing nation…

Monika Kohut im Gespräch mit Siphamandla Yakupa, der ‚Winnie‘ in der „Mandela Triology“.

MK: Frau Yakupa, vom 04. bis 15. Juni präsentierte die Cape Town  Opera in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Theater München die „Mandela Triology – eine „Volksoper“ über das Leben von Nelson Mandela“, so der offizielle Titel. An anderer Stelle wird die Triologie als „Musical“ bezeichnet. Aber alle Stimmen sind sich dahingehend einig, dass der 3. Akt der „klassischen Oper“ sehr nahe kommt. Als das Stück am 17. Juni 2010 zum ersten Mal m Artscape Operhaus in Kapstadt aufgeführt wurde, hieß es noch „Afrikanisches Liederbuch“. Welche Genre-Bezeichnung ist Ihrer persönlichen Meinung nach am zutreffendsten?

SY: Hm, das ist wirklich keine leicht zu beantwortende  Frage ….(überlegt)….. Also, die Bezeichnung „Afrikanisches Liederbuch“ passt sicher nicht mehr, denn das Stück ist seit 2010 deutlich weiterentwickelt worden. Aber meiner Meinung ist es auch kein Musical, schon alleine aufgrund des 3. Aktes, der tatsächlich opernähnlich ist. (Pause) Eigentlich müsste man einen neuen Begriff prägen…

Monika Kohut mit Siphamandla Yakupa

Monika Kohut mit Siphamandla Yakupa – Foto: Frauke Schneider (Presse – Deutsches Theater)

MK: Vielleicht wäre eine Wortschöpfung zusammengesetzt aus Folk Opera, Grand Opera und Musical das passende Etikett?

SY: (lacht) Ja, ich denke, dass ist wirklich eine gute Idee.

MK: Wie unterscheiden sich Erwartung und Reaktion des Publikums in Kapstadt in Bezug auf die Darbietung von Arien aus europäischen Opern und die des hiesigen Publikums in Bezug auf die Xhosa Lieder in der Mandela Triologie? Hier wie dort ist das ja die Begegnung mit einer völlig anderen Musikkultur.

SY: Meiner Empfindung nach gibt es deutliche Unterschiede, sowohl bei den Erwartungen als auch bei den Reaktionen. Die Leute, die in Kapstadt in eine europäische Oper gehen, kennen nicht nur die Musik, sondern auch den Inhalt – oft bis ins kleinste Detail. Und sie haben eine genaue Vorstellung davon, wie die Aufführung sein sollte; von den Kostümen bis hin zum Bühnenbild. Werden ihre Erwartungen erfüllt, geben sie gegebenenfalls sogar Szenen-Applaus. Im Gegensatz dazu hat das Publikum hier sicher keine vergleichbar „festgeschriebene“ Erwartungshaltung an das Stück, denn wie viele Leute wissen schon genau, wie und wo Nelson Mandela seine Kindheit und Jugend verbrachte? Es ist also offener.

Emotionale Berührtheit wird, kulturell bedingt, anders zum Ausdruck gebracht

Die Xhosa-Lieder sind ihnen zwar sicher fremder als den Menschen in Kapstadt die Opernarien, aber diese Musik gehört zu Südafrika und damit auch zum Leben Nelson Mandelas, das hier ja erzählt wird. Am Ende der Aufführung herrscht zunächst immer totale Stille. Erst wenn sich die Spannung beim Publikum gelöst hat, kommt der Applaus. Diese Reaktion hat uns zunächst sehr irritiert. Aber dann haben wir verstanden, dass dieses anfängliche Schweigen ein Zeichen großer emotionaler Berührtheit ist, die, kulturell bedingt, hier nur anders zum Ausdruck gebracht wird, als wir es gewohnt sind.

MK: Sie fliegen am 16. Juni zurück nach Hause, gehen also nicht auf Tournee. Warum nicht?

SY: Ich denke, das hat finanzielle Gründe. Aber wir hoffen natürlich auf eine Deutschland- und eventuell sogar Europa-Tour. Michael (red. Anmerkung: Autor Michael Williams) hat alle möglichen Leute eingeladen, sich unsere Aufführung live anzusehen, und sich ihr eigenes ein Urteil darüber zu bilden, ob die Triologie auch in anderen Städten und Ländern erfolgreich sein kann.

Reduzierung der Stimmen auf Kosten des Chors 

MK: Einige Zeit vor dieser Deutschlandpremiere haben Sie auch ein kurzes Gastspiel in Wales gegeben. Sehen wir hier die gleiche Darbietung oder gibt es Unterschiede?

SY: Hier in München besteht unser Chor lediglich aus 23 Mitgliedern. In Wales waren es rund 30. In Kapstadt sind es sogar immer mindestens 40. Diese, wohl ebenfalls finanziell bedingte, Reduzierung der Stimmen ist leider deutlich hörbar und ist, wie ich finde, zu Lasten der Wirkung des Chors gegangen.

MK: Es heißt, das Ausbildungszentrum sei das Herzstück Cape Town Opera. Die meisten der jungen Sänger und Sängerinnen stammten aus ärmsten Verhältnissen. Wie werden diese Jugendlichen entdeckt und rekrutiert? Wie schaffen sie es ohne Geld nach Kapstadt? Und wie sind die Aufnahmebedingungen für die Ausbildung?

SY: Wir sind eine singende Nation. Wir singen zu jeder Gelegenheit. Überall in unserem Land gibt es Schul- und Kirchenchöre mit Stimmen, die ein phantastisches Potential haben. Die Chorleiter fungieren oft nicht nur als Lehrer, sondern auch als Coach und Förderer. Das heißt, sie helfen den Jugendlichen beim Ausfüllen von Anträgen für das NSFAS-Programm (red. Anmerkung: mit BAFÖG vergleichbar), oder sie vermitteln ihnen Kontakte und Termine für ein Vorsingen. Aber die Ausbilder der Cape Town Opera fahren auch immer wieder zu den möglichen Talenten hin.

MK: Ohne vorher ein Demo erhalten zu haben, also mit dem Risiko einer „Schneiderfahrt“ ?

SY: Ja, aber das Risiko hält sich in Grenzen, denn die meisten von ihnen erweisen sich dann tatsächlich als sehr begabt.

So manches Talent ist auf sich alleine gestellt

Gut, aber was ist mit den Talenten, die nicht gefunden oder unterstützt werden und auch kein Geld für die Reise nach Kapstadt haben?

SY: Die müssen selbst irgendeinen Weg finden, so wie ich es auch musste: Mit drei Kindern war meine Mutter nicht in der Lage, mir finanziell unter die Arme zu greifen. Mein Vater ist früh gestorben. Da die Entfernung von Durban nach Kapstadt rund 1780 km beträgt, konnte ich weder eine Bus- noch Zugfahrkarte und schon gar nicht ein Flugticket bezahlen. Also habe ich im Ausbildungszentrum angerufen und gesagt: „Ich würde gerne bei Ihnen vorsingen, habe aber kein Geld für die Reise.“ Und tatsächlich hat man mich dann nach Kapstadt eingeladen. Nachdem ich ‚Come Scoglio‘ und ‚Ach, ich fühl’s‘ aus Mozarts ‚Cosi fan tutte‘ vorgesungen hatte, wurde ich in das „studio programme“ aufgenommen.

MK: Wie lange dauert diese Ausbildung, und was sind ihre wesentlichsten Inhalte?

SY: Man bekommt einen Zweijahresvertrag, mit dem auch die Kosten für den Lebensunterhalt abgesichert werden. Neben dem Stimmtraining, stehen auch Sprachübungen, vor allem der deutschen, italienische, und französischen Aussprache im Lehrplan. Außerdem lernen wir die „Kunst der Darstellung“.

Nur ein einziges Mal auf der Bühne der Scala stehen 

Sie haben mittlerweile ein Opern Diplom und Ihr Vertrag wurde um 12 Monate verlängert. Ende diesen Jahres werden Sie in Kapstadt die Susanna in Figaros Hochzeit singen. Also wieder Mozart. Ist er Ihr Lieblingskomponist?

SY: Ich mag Mozart sehr, aber Puccini „liebe“ ich. Leider sind seine Arien so schwer zu singen, dass ich sicher noch zehn Jahre brauche, bis meine Stimme gut genug ist für die Madame Butterfly oder eine anderen Sopran-Part.

MK: Und wer ist Ihre Lieblingssängerin?

SY: Definitiv Anna Netrebko. Ihre Stimme und ihre Bühnenpräsenz sind einfach atemberaubend! 

MK: Was sind Ihre weiteren Berufspläne? Haben Sie vielleicht sogar einen „Traum“?

SY: Oooh ja!!! Ich träume davon, ein Mal auf der Bühne der Scala zu stehen, aber in einer Hauptrolle, so dass mich alle Zuschauer sehen und mir – nur mir ganz alleine – zuhören. Oh, mein Gott! Nur ein einziges Mal, das würde mir schon genügen….

MK: Dann viel Glück für Ihren Traum! Herzlichen Dank für das Gespräch und einen guten Flug zurück nach Kapstadt.

 

Kurzportait
Siphamandla Yakupa (Sopran) wurde in Queenstown am Ostkap geboren. Im Anschluss an ihr Bachelor Studium an der University of KwaZulu-Natal unter Madlen Tzankova und Bronwen Forbay erwarb sie ihr Opern-Diplom an der University of Cape Town. Ihre Liebe zur Musik entwickelte sie unter dem Einfluss ihrer Lehrerin und Chorleiterin Mlibokazi Mfundisi bereits 2002 an der High School. 2004 repräsentierte sie Südafrika bei der Chorolympiade in Deutschland und trat mit dem KwaZulu Natal Philharmonic Orchestra beim Kardinalskonzert in der Durban Emmanuelle Cathedral auf. Weitere Engagements umfassen die Countess Almaviva in Le nozze di Figaro an der University of Cape Town, Saartjie Baartman in der Premiere von Five:20, Frasquita in Carmen an der Cape Town Opera, Anne Trulove in The Rake’s Progress, Musetta in La Bohème, Marzelline in Fidelio sowie Clara in Porgy and Bess. Gerade bereitet sie sich auf die Rolle der Fiordiligi in Mozarts Così fan tutte vor und wird am Ende des Jahres als Susanna in Mozarts Le nozze di Figaro an der Cape Town Opera zu sehen sein.(Presseinformation: Deutsches Theater München)

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