Marlene Le Roux – Direktorin Audience Education & Development, Artscape Theatre, Kapstadt

 

Foto: Arne Grams

Foto: Arne Grams

Marlene Le Roux gehört zu den Menschen, die einen Raum betreten und ihn vollkommen ausfüllen mit ihrer Stimme, ihrer Art zu lachen, ihrer Körpersprache und nicht zuletzt auch ihrer Kleidung. Auf den ersten Blick ersten Blick erscheint sie außergewöhnlich extrovertiert.

Glück impliziert eine gesellschaftliche Verpflichtung

Sobald sich jedoch die Tür hinter uns geschlossen hat, erlebe ich eine Frau, die leise, nachdenklich, engagiert, pragmatisch und – vor allem – sehr stark ist. Ihre arme Herkunft, ihre körperliche Behinderung (verursacht durch Kinderlähmung im Babyalter) und ihren behinderten Sohn erwähnt sie nur kurz. Es ist offensichtlich, dass dies akzeptierte Fakten ihres Lebens sind. Aber genauso offensichtlich sind sie aus ihrer Sicht kein Anlass für Mitleid oder eine umfassendere Themenbehandlung. Marlene Le Roux betrachtet sich selbst als ‚privilegierte‘ Frau. Sie ist dankbar für die Chancen, die sie bekommen hat, und für das, was sie im Leben erreichen konnte. „Wir, die wir Glück hatten, haben die Verpflichtung, der Gesellschaft etwas zurückzugeben“.

Theater kann Selbstwertgefühl vermitteln

Für diese Mission nutze sie das Artscape Theatre als Vehikel, erklärt sie. „Als Direktorin für Publikumserziehung und Entwicklung sehe ich meine übergeordnete Aufgabe darin, Menschen ins Theater zu holen, aber auch das Theater zu den Menschen zu bringen“. Dabei gelte ihr Augenmerk vor allem jungen Menschen, die in Townships leben. Sie glaube fest daran, dass sie auch zur Einheit Südafrikas beitrage, wenn sie mittels ihrer Programme helfe, den Menschen Selbstwertgefühl zu geben, gegenseitigen Respekt zu fördern und so die Wunden der Vergangenheit zu heilen.

Win-Win-Deals für potentielle Partnerunternehmen

Nach und nach ist es ihr gelungen, für ihre Projekte Unterstützung aus der Geschäftswelt zu erhalten. „Nehmen wir beispielsweise die Transportbranche. Ich habe meinen Partnern hier klar gemacht, dass ich ihnen einen ‚Win-Win-Deal‘ anbiete, denn wenn sie mir ihre Busse für meine sozialen Projekte zur Verfügung stellen, können sie staatliche Subventionen beantragen. So funktioniert das…“. Die Vorstellungen, Unterrichtsstunden und Seminare finden in jedweder verfügbaren Räumlichkeit statt, sei es eine Kirche, eine Schule oder ein anderes öffentliches Gebäude. „In diesem Umfeld kann man nicht wählerisch sein. Wir haben gelernt ‚ad hoc‘ jedes Gebäude unseren Bedürfnissen und Erfordernissen entsprechend umzugestalten“.

Südafrika ist immer noch keine Regenbogennation

Vor einigen Jahren, so erzählt sie weiter, sei sie aktiv in der Politik gewesen. Irgendwann habe sie jedoch erkannt, dass sie ihr Mandat aufgegeben müsse, wenn sie „völlig ungebunden und frei“ sein wolle. Dann erläutert sie, warum sie die soziale und politische Situation in ihrem Land so sehr beunruhigt. „Fakt ist, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander geht. Und glauben Sie mir, diejenigen, die nichts haben sind sich dieser Tatsache voll bewusst, und sie empfinden ihr Los als schreiende Ungerechtigkeit“.

Es sei leider nach wie vor nicht gelungen die Regenbogennation zu werden, von der man geträumt habe als Südafrika 1994 eine Demokratie wurde. „Tatsächlich denken die meisten von uns immer noch in den althergebrachten Mustern, wenn es um die Hautfarbe geht. Und sie gesteht, dass auch sie sich hier nicht ausnehmen könne. So habe sie sich wiederholt dabei ertappt, in die ihr vermittelten Denkmuster verstrickt zu sein, als sie ihre kleine Tochter zu Beginn der Schulzeit inmitten ihres „bunt“ gemischten Freundeskreis erlebt habe. Gleichzeitig aber sei ihr auch bewusst geworden, dass sich mit dieser neuen Generation und ihrem unorthodoxen Miteinander die Dinge tatsächlich endlich zum Besseren wenden könnten.

Die Kunst kann Brücken bauen

„Wir brauchen dringend ein anderes Bewusstsein in unserem alltäglichen Leben“, fordert sie. „Wenn wir ins Ballet gehen, denken wir dort über die kulturelle Herkunft der Primaballerina nach? Oder beurteilen wir die Leistung der Musiker in einem Konzert nach ihrer Rasse oder Hautfarbe? Sicher nicht, und das zeigt, dass die Kunst Brücken baut und Nationen, Kulturen und Rassen verbindet, denn ihr Wesen ist heilend und vereinigend.“

In gleichem Maße wie für Minderpriviligierte engagiert sich Marlene le Roux für eine anti-rassistische und anti-sexistische Gesellschaft mit demokratischen Werten, sozialer Gerechtigkeit und Menschenrechten. Ein großes Anliegen ist ihr, die Stellung der Frauen zu verbessern, nicht nur in der afrikanischen Gesellschaft, sondern auch im internationalen Kontext. 2007 initiierte sie das ‚Women’s Festival‘, das seither jährlich im Artscape Theatre statt findet.

Ehrenmitglied des Golden Key Chapter der Univeristät Stellenbosch

Im Laufe ihrer Karriere ist Marlene Le Roux mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt worden. So erhielt sie 2012 – neben dem südafrikanischen Kabarettisten, Autor und Aktivisten Pieter Dirk Uys – den Deutschen Afrikapreis „für ihren für ihren langjährigen Einsatz gegen Diskriminierung in ihrem Heimatland“. Im Jahre 2001 war ihr der Desmond Tutu Legendary Award verliehen worden. Sechs Jahre später wurde sie zum Ehrenmitglied des ‚Golden Key Chapter‘ der Universität Stellenbosch ernannt. Hier hatte sie Management studiert. Darüber hinaus absolvierte sie ein Studium der Erziehungswissenschaften an der University of Western Cape. Heute zählt Marlene Le Roux zu den bekanntesten und einflussreichsten Frauen Südafrikas.

 

Das  Artscape Theatre wurde 1972 als Nico Malan Theatre Centre in Kapstadt eröffnet. Im Jahr 2001 wurde der Komplex umbenannt in ‚Artscape‘. Das ‚Cape Performing Arts Board‘ (CAPAB), ein Ausschuss, der seine Wurzeln in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts hat, führte das Haus bis 1994 mit dem Ziel, die darstellenden Künste zu fördern. Angeboten wurden Programme und Produktionen in den Bereichen Orchestermusik, Oper, Ballet und Drama. 1994 wurden alle Institutionen der darstellenden Künste unabhängig und in so genannte Spielhäuser umgewandelt. 1999 ersetzte Artscape das CAPAB und managt seither die verschiedenen Abteilungen des Theaters. Zudem bietet Artscape technische und andere Dienstleistungen auf semi-kommerzieller Basis an. Der Schwerpunkt liegt auf einer nachhaltigen Theaterpraxis, Erziehung sowie Entwicklung der darstellenden Künste. Das Artscape Theatre genießt den Ruf, die progressivste Institution seiner Art in ganz Südafrika zu sein. Mehr Informationen sind zu finden unter: www.artscape.co.za

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