(K)ein Kindergarten für Rondomskrik

Ort der Geborgenheit und Wissensvermittlung

Um einen Kindergarten in einem Township auf die Beine zu stellen, braucht man Kapital für ein Grundstück, einen Plan und Baumeister, ein Gebäude und danach lediglich ein paar ausgebildete Kindergärtnerinnen sowie das Geld für deren Gehälter und die finanziellem Mittel, um die laufenden Kosten zu decken, so die landläufige Meinung.

Tatsächlich aber ist, darüber hinaus, auch ein kompetentes und couragiertes Management-Team vonnöten, das die langfristige Existenz einer solchen Institution sicherstellt. Und dass die Rekrutierung dieser Mitarbeiter die eigentliche Herausforderung ist, musste nun Gabi Zahn, die Gründerin und Intendantin von Cape Classic – Charitable Culture, die sich seit Jahren im Westkap sozial engagiert, erfahren. Ihre Vision von einem Kindergarten, der gleichermaßen ein Ort der Geborgenheit als auch der Wissensvermittlung werden sollte, zerplatzte wie eine Seifenblase.

Unbeaufsichtigte Kleinkinder und zwielichtige Typen

Seit rund zehn Jahren besitzt die Familie ein Haus in Swellendam, in dem Gabi Zahn jedes Jahr für mehrere Monate wohnt, wenn sie wegen des Cape Classic Festivals vor Ort sein muss. Mit rund 24.000 Einwohnern ist der Ort, der zirka 230 Kilometer östlich von Kapstadt an der N2 liegt, die drittgrößte Stadt im Westkap. Hier kam ihr vor rund drei Jahren die Idee, im hiesigen Township Rondomskrik einen Kindergarten zu gründen.

Hintergrund: Während einer Kleiderverteilung an die dortigen Bewohner fiel ihr auf, dass eine große Zahl von Kleinkindern, die kaum zwei Jahre alt waren den ganzen Tag ohne irgendeine Beaufsichtigung auf den Straßen spielten, während sich gleichzeitig „ jede Menge zwielichtiger Typen, die offen-sichtlich auf Drogen waren, herumtrieben.“ Eine in Auftrag gegebene Befragung von 100 Bewohnern in Rondomskrit ergab, dass 85 von ihnen Kinder im Alter von unter fünf Jahren hatten. Da der nächste Crèche in einem anderen Teil des Townships und ohne Auto und Bus unerreichbar ist, erklärten diese Eltern, sie seien bereit und fähig, gegebenenfalls für einen Kindergarten vor Ort eine Gebühr von 100 Rand pro Monat und Kind zu zahlen.

Spenden bis zu 10.000 Euro

Bis dato hatte Gabi Zahn im Rahmen ihres sozialen Engagements ausschließlich bereits bestehende, also fremd-initiierte Projekte unterstützt. Aufgrund der Gegebenheiten entschloss sie sich nun, erstmals ein eigenes Vorhaben zu realisieren. Die Verhandlungen mit dem Bürgermeister und der Stadtverwaltung von Swellendam waren positiv verlaufen. Ihr Konzept hatte großen Anklang gefunden und folglich war der Verkauf des Baugrundstücks „zu einem marginalen Preis“ bewilligt worden.

Wie für vorige Projekte, bat sie auch nun wieder mittels ihres monatlichen Newsletters und im Rahmen ihrer Konzerte um Spenden. „Die eingehenden Beträge bewegten sich zwischen 100 und 10.000 EUR,“ erinnert sie sich. Es gelang ihr, den größten Teil des Geldes,das erforderlich war für den Grundstückserwerb und Bau, aufzutreiben. „Da der eingesammelte Betrag aber nicht ganz gereicht hat, wollte die Bayerische Staatsregierung für die Differenzsumme in die Bresche springen; diese Zusage hatte ich,“ so Gabi Zahn.

Aufgaben mit jeder Menge Zündstoff

„Meine Vision war, nicht nur einen Ort der Aufbewahrung und Versorgung mit Essen zu schaffen, sondern auch eine Stätte der Wissensvermittlung. Klar definierte und festgeschriebene Lehrziele sollten eine sinnvolle Beschäftigung der Kleinen gewährleisten. Da Kindergärten in Südafrika ausschließlich „Privatsache“ sind, war nun die Herausforderung, ein geeignetes Team für das Tagesgeschäft zu finden.Bei dieser Suche sei sie dann an ihre Grenzen gestoßen, sagt Gabi Zahn. „Vor Ort Personal für die pädagogische Betreuung der Kinder zu finden schien durchaus machbar. Aber auch geeigente Leute für die Administration zu rekrutieren, erwies sich als unmöglich.“ Das Management sei ja nicht nur verantwortlich für die Organisation des Tagesgeschäfts, sondern auch für das Controlling der Ausgaben und Einnahmen. Und in diesen Aufgaben stecke – im wahrsten Sinn des Wortes – jede Menge Zündstoff.

Armut bedingt Beschaffungskriminalität

So käme es immer wieder mal vor, dass Eltern die KIGA-Gebühren gar nicht mehr oder nicht pünktlich bezahlten. Aus der Gemeinde traue sich dann jedoch niemand, die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen – aus Angst vor Repressalien, zumal . kolportiert würde, dass Kindergärten von wütenden Eltern in Brand gesteckt worden waren, weil angemeldete Kinder vom KIGA-Geschehen ausgeschlossen worden waren. „Die Existenzabsicherung einer solchen Institution bedingt nun einmal, dass man hin und wieder zu wenig populären Maßnahmen greifen muss; leider auch in einem Township.“ Hinzu käme die Beschaffungskriminalität: Angesichts der Armut ist es traurige Normalität, dass immer wieder Nahrungsmittel aus der Küche gestohlen werden.

Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende

Um einen möglichst reibungslosen Ablauf des Kindergarten Betriebes zu gewährleisten, habe sie versucht, mit verschiedenen Dachverbänden von national agierenden Non-Profit-Organisationen in Verbindung zu treten, die für sich in Anspruch nähmen, Profis in diesem Bereich zu sein. Aber ihre Bemühungen seien ins Leere gelaufen, denn man habe entweder gar nicht oder viel zu spät auf ihre Anfragen reagiert. Spätestens jetzt sei sie zu der Erkenntnis gelangt, dass sie keine Chance habe, ihr Ziel zu erreichen. Weder ihre Bekanntheit noch ihr Engagement reichten aus, um die sozialpolitischen Umstände und die sich daraus ergebenden Probleme zu überwinden. So habe sie letztendlich den „schweren Entschluss“ gefasst, das Projekt zu stoppen, gemäß dem Sprichwort „Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.“

Vielleicht ein neuer Anfang

Diese Entscheidung habe sie dann auch – so zeitnah wie nur irgend möglich – mit ihrem aktuellen Newsletter öffentlich gemacht. „Aber vorher,“ so Gabi Zahn, „habe ich noch jeden einzelnen der Geldgeber angeschrieben, die Situation erklärt und ihnen angeboten, ihre Spenden zurückzuzahlen.“ Einige Adressaten hätten sofort angeboten, dass sie ihr Geld auch für einen anderen guten Zweck verwenden könne. „Was mich natürlich sehr gefreut hat.“ Auf der einen Seite hätten sie die Reaktionen auf ihren Newsletter „wieder aufgebaut“, auf der anderen Seite aber auch sehr verwundert. Denn plötzlich sei das Geschrei und die Betroffenheit groß gewesen, „während sich vor meiner Absage keine einzige Stelle, die wir im Laufe der Zeit bereits kontaktiert hatten, gemeldet hat.“

Ein Leser wolle ihr nun den Kontakt zur Elton-John-Stiftung machen, die in Südafrika sehr gut vernetzt sein soll, und auch die Bayerische Staatsregierung habe ihr weiterhin ihre Unterstützung zugesagt, sollte sie das Projekt irgendwann wieder aufgreifen. „Also wer weiß, vielleicht ist dieses jetzige Ende der Beginn eines neuen, besseren Anfangs für meinen Kindergarten in Rondomskrik.“ Aber aus „energetischen und auch aus Gründen der eigenen Glaubwürdigkeit“ habe sie das Projekt erst einmal auf Eis gelegt.

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