„Ich möchte, dass die Menschen lächeln.“

Ein Portrait des U-Bahn-Fahrers Georgios Lampadaridis

Nutzer der „Öffentlichen“ in München haben immer wieder reichlich Grund, sich über die Ansagen in Bussen und U-Bahnen zu wundern: Das eine Mal ist die Information kaum oder gar nicht zu verstehen, weil (dazu auch noch in bayerischem Dialekt) genuschelt. Ein anderes Mal wirkt die rüde Tonalität –  sicher allemal bei den der deutschen Sprache nicht mächtigen Touristen – zumindest höchst befremdlich.

Und eines Tages erhellt dann plötzlich ein verbaler Sonnenstrahl die Unterwelt der Münchner Verkehrsgesellschaft GmbH. Die Ankündigungen erfolgen klar verständlich, und bei Erreichen der Endstation vernimmt der verblüffte MVG-Kunde folgende Worte: „Liebe Fahrgäste, ich wünsche Ihnen allen noch einen schönen Tag und würde mich freuen, Sie demnächst wieder einmal auf einer meiner Fahrten begrüßen zu können.“

Wer ist das? Für wen sind die Kunden der MVG nicht nur anonyme Nutzer, sondern „Fahr-Gäste?“

Es ist der Grieche Georgios Lampadaridis. Er arbeitet seit 2013 als U-Bahn-Fahrer. Seine Philosophie: „Die Menschen sollen sich nicht wie eine Nummer fühlen, wenn sie bei mir im Zug mitfahren. Ich möchte, dass sie lächeln.“ Er schaue auf die Mienen der Einsteigenden. Dann wisse er, wie die allgemeine Stimmung sei. Immer wieder stelle er fest, dass die Mehrheit der Fahrgäste an manchen Tagen gut oder sehr gut drauf sei und an anderen Tagen eben schlecht  oder auch sehr schlecht. „Darauf stelle ich dann meine Ansagen und Scherze ab. Wenn Kinder winken, winke ich zurück. Vor allem von jungen Leuten erhalte sein Gruppenleiter immer wieder eMails mit positiven Reaktionen, über die sie sich beide natürlich sehr freuten.

Der Stress nimmmt immer mehr zu

Die Kollegen seien eigentlich durch die Bank nett und freundlich, aber der Stress nehme immer mehr zu durch kontinuierlich wachsendes Fahrgastaufkommen und  die deutlich wahrnehmbare Hektik im Alltag der Menschen.“

Hoffnungslosigkeit kulminiert mitunter in Autoagression

Eine weiteren Grund für diese Entwicklung sieht Georgios Lampadaridis in einer zunehmenden Vereinsamung und Verarmung: Zum einen sei München eine Stadt mit sehr vielen Singles; zum anderen gebe es auch hier eine immer größere Zahl an Menschen, die kaum mehr ihr Auskommen hätten. „Arm zu sein unter Armen ist sicher eher erträglich als arm zu sein unter Reichen. Wenn Menschen im Abseits leben und keine Perspektive mehr sehen, dann wird aus der Hoffnungslosigkeit leider oft Aggression, die sich gegebenenfalls auch gegen die eigene Person richtet.“

Im Großen und Ganzen zufrieden

Trotz aller Belastungen mag Georgios Lampadaridis seinen Job, denn wie sein Vater liebt er „große Fahrzeuge“. Und mit seinem Gehalt ist er auch „ganz zufrieden“, insbesondere wenn er an sein Heimatland und die Menschen dort denkt. „Man muss in Griechenland gelebt haben um wirklich begreifen zu können, wie dramatisch die Situation ist. Das Land braucht meiner Überzeugung nach noch mindestens 30 Jahre bis es sich wirklich erholt hat.“

Mit allen Zuschlägen für Überstunden kommt Gregorios auf rund 2.200 Euro netto. Zusammen mit den 400 Euro, die seine Frau, eine gelernte Kosmetikerin, als Verkäuferin in einer Metzgerei dazu verdient, hat die dreiköpfige Familie ihr Auskommen. Die Tochter soll demnächst sogar private Klavierstunden bekommen, „denn sie ist sehr musikalisch.“

Und natürlich soll „Soi“ (der Name bedeutet „Leben“) unbedingt das Abitur machen; vielleicht sogar Medizin studieren. Man wird sehen…

Die kulturellen Unterschiede sind überall spürbar

Die Familie Lampadaridis lebt in Milbertshofen und würde auch gerne im Norden bleiben, denn mittlerweile ist Soi hier verwurzelt“. Seine Frau und er selbst tun sich schwerer mit dem Knüpfen sozialer Kontakte. Sie, weil sie noch nicht über ausreichende Deutschkenntnisse verfügt und er, „weil überall eine ungewohnte emotionale Distanz da ist, egal ob im privaten oder beruflichen Umfeld.“ Die kulturellen Unterschiede sind einfach überall spürbar“.

Von Deutschland nach Griechenland und zurück

Das sei schon Ende der 70er Jahre so gewesen, als er mit seinen Eltern und seiner Schwester noch in Berlin lebte, erinnert sich Georgios Lampadaridis, Deshalb kehrte die Mutter mit ihm, dem Elfjährigen auch sofort in die Heimat zurück, nachdem der Vater im Februar 1982 im Alter von nur 41 Jahren an einem Schlaganfall gestorben war. Die Schwester hatte bereits das Haus verlassen.

In Griechenland besuchte Georgios zunächst das Gymnasium. Doch trotz guter Schulnoten war es ihm nicht möglich das Abitur zu machen; das Geld reichte einfach nicht aus. So blieb sein Berufswunsch als Arzt in Afrika zu arbeiten ein Traum. Er wurde Buchhaltungs-Assistent, arbeitete nachfolgend aber wegen der besseren Bezahlung als LKW-Fahrer. Später machte er eine Ausbildung zum Industrie-Taucher, installierte oder repararierte Rohrleitungen und untersuchte Schiffswracks. Als die Firma in finanzielle Turbulenzen geriet, bewarb sich Gregorios wieder als LKW-Fahrer. Bald jedoch ahnte er, dass nicht nur sein Ex-Arbeitgeber Probleme hatte, sondern dass das ganze Land auf eine bedrohliche Krise zusteuerte. Deshalb entschloss sich das junge Ehepaar, mit der damals dreijährigen Tochter nach Deutschland auszuwandern.

Mit dem Finger auf der Landkarte

„Die Entscheidung für München hatten wir weder geplant noch überlegt. Sie fiel mit dem Finger auf der Landkarte.“ „Das Schicksal hat es gut mit uns gemeint,“ resümmiert Georgios rückblickend.

Die Münchner seien – abgesehen von einigen Ausnahmen – tolerant und die Stadt habe einen sehr hohen Freizeitwert. So gebe es viel mehr Kinderspielpätze und Grünanlagen zum Spazieren oder Sporteln als in seiner Heimat, wie zum Beispiel den Luitpoldpark, den er zu seinen Lieblingsplätzen zählt, weil der ihn irgendwie an Schottland erinnere. (siehe auch www.platzerl-dahoam.de).  Aber irgendwann wird er wegen des Klimas wohl doch nach Griechenland zurückkehren, denn das ist dort wärmer – auch unter den Menschen.

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