Haindling – ein Gespräch mit Hans-Jürgen Buchner

Hans-Jürgen Buchner, den ich bereits flüchtig aus Kapstadt kenne, bittet mich in den ersten Stock seines Hauses, wo sich seine Instrumentensammlung befindet, die er aus aller Welt zusammengetragen hat. Sie ist ebenso beeindruckend wie sein Studio: Kein kreatives Chaos, sondern ein genau durchdachtes, innenarchitektonisches Konzept bestimmt das wohnliche Ambiente der insgesamt drei offenen Räume: Auf dem Tisch, am Boden, der mit Teppichen verschiedener Provenienz ausgelegt ist, an den Wänden und um den alten Kachelofen herum sind große und kleine Trommeln, Zupf- und Blasinstrumente plaziert. Im hinteren Teil des zweiten Raumes befindet sich eine Sitzecke mit zwei weiß bezogenen, modernen Sofas. Hans-Jürgen Buchner fragt mich, ob ich damit einverstanden sei, dass er sich eine Zigarette drehe. Ich stimme zu, und dann sind wir auch schon mitten im Gespräch – ohne meine vorbereiteten Interviewfragen…

 

Foto: Ulrike Buchner

Foto: Ulrike Buchner

Die Schulzeit – mehr Frust als Lust

Weil ihn die Lehrer nicht für ihren Unterricht interessieren konnten, sei er aufmüpfig und – zum Leidwesen seines Vaters, der gehofft hatte, dass auch er Tierarzt werden würde – ein „grottenschlechter“ Schüler gewesen. Wenn Hans-Jürgen Buchner aus seiner Schulzeit erzählt, ist deutlich spürbar, wie sehr ihm die Zwänge und Einschränkungen in den beiden Klosterinternaten, die er besuchen mußte, zuwider waren. Er, der eigentlich in die akademischen Fußstapfen seines Vaters treten sollte, der Tierarzt war, protestiert mit totaler Leistungsverweigerung. Lediglich am Musikunterricht nimmt er zunächst noch mit Freude aktiv teil. Mozart habe er damals besonders gemocht, erinnert er sich. Dass er mit elf Jahren dann letztendlich auch noch jeden Spaß am Spiel nach Noten verliert, liegt an den streng reglementierten Übungsstunden. Seine Favoriten und Vorbilder werden Louis Armstrong und Miles Davis, denn sie entsprechen mit ihrem Musikstil nicht dem damaligen ‚Mainstream‘. Hans-Jürgen Buchner bricht den Klavierunterricht ab und wünscht sich eine eigene Trompete. Doch der Vater, immer noch hoffend, den Sohn zum veterinärmedizinischen Studium bringen zu können, stellt eine klare Bedingung: Mindestens einen Zweier in der nächsten Klassenarbeit im Fach Französisch. Tatsächlich schreibt der Schüler, der bis dato im Bestfall lediglich ‚ausreichende‘ Leistungen abgeliefert hat, die verlangte Note und erhält das begehrte Instrument, das er – wie alle Anderen danach auch – in kürzester Zeit autodidaktisch zu spielen lernt.

Die Weichen werden endgültig gestellt

In den folgenden Jahren wird der Jazzmusiker Hans-Jürgen Buchner an seiner Schule und in der lokalen Jugendszene ein regelrechter Star, (wirklich zu viele Ausdrücke in Anführungsstrichen, das ist recht anstrengend zu lesen und wirkt, als ob sehr oft aus anderen Zusammenhängen zitiert wird. der erkennt, dass die Mädels Jungen, die auf der Bühne stehen mehr bewundern als diejenigen, die versuchen, sich durch Kraftprotzereien zu profilieren. Damit gewinnt die Musik eine zusätzliche Bedeutung in seinem Leben: Sie wird das Medium, mit dem er sich öffentliche Anerkennung verschafft, denn bereits damals sei er eitel gewesen, gesteht er mit entwaffnender Offenheit. Noch vor dem Abitur folgt das endgültige Aus seiner schulischen Laufbahn, und er bewirbt er sich, dem Rat seiner „sehr pragmatischen“ Mutter folgend, um eine Ausbildung zum Keramiker in einer nahegelegenen Manufaktur. Tatsächlich aber ist sich Hans-Jürgen zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht sicher, ob ihn dieser Beruf wirklich interessiert. Doch dann lernt er beim Vorstellungsgespräch seinen zukünftigen Ausbilder kennen und ist von dessen non-konformen Erscheinungsbild so fasziniert, dass sein Entschluß endgültig steht. Eine richtige Entscheidung, wie sich später herausstellen wird, denn schließlich wird ihm und seiner heutigen Ehefrau (damals Ullrike Böglmüller), mit der er inzwischen eine eigene Meisterwerkstatt betreibt, der Bayerische Staatspreis für Keramik verliehen*[1].

Erst Duo, dann Band

Die Beiden sind aber nicht nur Berufskollegen und Lebenspartner, sondern sie machen auch gemeinsam Musik: Während sie am Schlagzeug sitzt, spielt er Saxophon und singt bayerische Texte. Die Playbacks für ihre Bühnenauftritte hat er zuvor in Eigenregie produziert; mit Synthesizer, Blasmusik und Klavier auf einem Vier-Spur-Tonband. 1982 kommt Hans-Jürgen Buchner zufällig in Kontakt mit einer Schallplattenfirma und produziert den Titel Haindling 1, genannt nach seinem neuen Wohnort, einem Ortsteil von Geiselhöring nahe Straubing. Für sein Erstlingswerk erhält er gleich den Deutschen Schallplattenpreis. Bald schreiben Hans-Jürgen und Ulrike Buchner nur noch gemeinsam die Texte. (Das tun sie übrigens bis heute.) Zusammen mit den vier Musikern seiner neu gegründeten Live-Band, die er ebenfalls Haindling nennt, steht zunächst eine neue Frau, eine Japanerin auf der Bühne. Die habe ihre Sache eigentlich wirklich gut gemacht, räumt er ein, aber er habe erkennen müssen, dass sie – ohne es zu wollen – den Energiefluss in der Band beeinträchtigte. „Wenn eine Frau dabei ist, ändern Männer ihr Verhalten: Sie sind weniger locker und überlegen zwei Mal, ob das, was sie scherzhaft sagen wollen, letztendlich dann auch der ‚politischen Korrektheit‘ entspricht. Diese ausgebremste Spontaneität war ein absoluter Spasskiller.“

Ein Schal wird zum Markenzeichen

Nach der Geschichte seines Schals, der so überhaupt kein bayerisches Accessoire ist gefragt, weist Hans-Jürgen Buchner darauf hin, dass die Band ja auch nicht in Tracht auftrete, denn schließlich sei man ja keine bayerische Volksmusik Kapelle. Die schwarzen Anzüge, erläutert er, trage man aus zwei Gründen: Zum einen seien Anzüge immer ein passendes, weil klassisches Outfit; und zum zweiten sei die Farbe Schwarz sehr praktisch, weil man Knitterfalten nur aus nächster Nähe sehen könne. In Anbetracht des tourbedingten ‚Aus-dem-Koffer-Lebens‘ ein Riesenvorteil. Im Übrigen sei die Historie des Schals, der als sein Markenzeichen gilt, weit weniger spektakulär als oft angenommen: Eher zufällig hätten er und seine Frau den Stoff entdeckt. Das afrikanisch anmutende Design und die Tatsache, dass man den Stoff schneiden konnte ohne ihn säumen zu müssen, hätten sie beide sofort angesprochen. Deshalb habe man dann gleich den ganzen zirka acht Meter langen Restballen gekauft. Alle engeren Freunde, denen das schwarz-weiße Muster auch gefiel, hätten ebenfalls einen Schal bekommen. Dadurch habe dieser seinen emotionalen Wert erhalten.

Den Ton gibt er an

Um die uneingeschränkte Authentizität seines Musikstils zu gewährleisten, produziert Hans-Jürgen Buchner bis heute alle CDs in Eigenregie. Im Vertrag mit seiner Plattenfirma ist abgesichert, dass ihm „niemand reinreden darf“. Die Songs von Haindling sind somit letztendlich ausschließlich seine Werke. Nach seiner Rolle in der Band gefragt, antwortet er ohne Zögern: „Ich bin der Chef.“ Angesichts dieser eindeutigen Positionierung nimmt es nicht Wunder, dass die Musiker, mit denen er seit vielen Jahren – mit ungebrochenem Erfolg – auf Tour geht, von ihm genauestens instruiert, und ihr Improvisationsspielraum unmissverständlich abgesteckt wird. Hans-Jürgen Buchner steht zu seiner Dominanz; er will im wahrsten Sinn des Wortes den Ton angeben.

Erfolgreich auch mit Filmmusik

Sein Erfolg umfasst aber nicht nur die typischen Haindling-Produktionen, sondern auch Filmmusik. (Aber sein Name ist auch im Abspann der TV-Serie ‚Die Rosenheim Cops‘ zu lesen). Seine Auftragsarbeiten komponiert er fast ausschließlich für namhafte Regisseure, mit denen er seit Jahren befreundet ist, und von denen er weiß, „wie sie ticken.“ Seine Erfahrung sei, dass die Chemie stimmen müsse, wenn das Endprodukt stimmen solle,“ erklärt er mir. Dann erläutert er das Procedere, denn der Kreativitätsimpuls für die Entstehung einer Filmmusik sei ein völlig anderer als bei einer ‚Haindling-Produktion‘, und auch der nachfolgende Kompositionsprozess laufe auf einer anderen Sinnesebene ab: Zunächst schaue man sich zusammen die für den Film in den Bildsequenzen vorgegebene Zeittaktung an. Danach trage ihm der jeweilige Auftraggeber seine Ideen vor. Das seien die verbindlichen Vorgaben, auf Basis derer er dann zu arbeiten beginne. Vorbilder, an denen er sich bei seiner Arbeit orientiert, hat er nicht, weder in der klassischen noch in der modernen (Pop-) Musik. Der Grund: Jeglicher Beeinflussung und damit Verfremdung seines Stils möchte er vorbeugen. Dass manche ‚Kollegen‘ aus der Filmmusik Branche bei ihren Kompositionen immer wieder Teile seiner Melodien ‚aufgreifen‘, sieht er mittlerweile – teilweise mit geschmeichelter – Gelassenheit, da es ja ohnehin keine Möglichkeiten gebe, diese ‚Adaptionen‘ legal zu unterbinden.

Musikalische Visitenkarte des Freistaates

Seit Jahren hat Haindling den Status einer Kultband, die die Bayerische Staatsregierung immer wieder gerne als „musikalische Visitenkarte des modernen Freistaates“ im Ausland präsentiert; 2008 erstmals in China. Anfang Juni 2010 waren die sechs Musiker, die allesamt mehrere Instrumente beherrschen, Teil der Delegation, die anlässlich der 15-jährigen Partnerschaft zwischen Bayern und dem Western Cape unter der Schirmherrschaft von Staatsminister Siegfried Schneider Kapstadt besuchte.

Erinnerungen an Südafrika

Auf die Frage, was ihn dort am meisten fasziniert habe, antwortet er spontan: „Dass von Kapstadt bis zum Südpol nichts mehr kommt, und dass die Sonne quasi von hinten kommt, also im Rücken aufgeht.“ Aber auch der Rausch, in dem das Land kurz vor der WM gewesen sei, habe ihn tief beeindruckt. Seiner Ansicht nach resultierte dieser ‚Hype‘ aus der kurzzeitigen „Vorstellung einer Möglichkeit“. Die Chance eines grundsätzlichen Wandels sei damals überall spürbar gewesen. „Zum ersten Mal waren die Schwarzen die Hauptdarsteller, und darauf waren sie stolz.“ Leider nur habe es sich ja ganz offensichtlich lediglich um eine Momentaufnahme gehandelt. Denn es zeichne sich ja bereits deutlich ab, dass, egal welchen wirtschaftlichen Nutzen Südafrika aus der Weltmeisterschaft auch ziehen werde, die schwarze Bevölkerung daran gar keinen oder nur unwesentlichen Anteil haben werde. Die Freundlichkeit und Offenheit dieser Menschen nennt er eine „nachhaltige Erinnerung.“ Ihre Fähigkeit zur Freude, und ihre „kindliche Freude am musikalischen Lärmen mit der Vuvuzela“ seien ihm besonders aufgefallen. Überhaupt habe er festgestellt, dass Musik in Südafrika wesentlich „spielerischer betrieben“ werde als in Deutschland. „Hierzulande muss es sich rentieren, ein Instrument zu spielen. Der Nutzeffekt steht fast immer im Vordergrund.“ Berechnete Musik aber sei ein kunsttötender Ausgangspunkt.

Vorstellungen anstatt Visionen

Nach seiner beruflichen Vision gefragt, erklärt er, dass er keine habe, weil er sonst ein Ziel definieren müsse, das es dann zu erreichen gelte. Damit aber manövriere er sich in eine Drucksituation, und genau die wolle er – mit Rückblick auf Kindheit und Schulzeit – vermeiden. Darüber hinaus bestehe die Gefahr, so Hans-Jürgen Buchner weiter, dass mit der Erreichung des Ziels jeglicher Antrieb wegfalle. Deshalb beschränke er sich darauf, „nur Vorstellungen“ zu haben. Die, so führt er aus, hätten den Vorteil keine Sackgasse zu sein, falls es mit der Realisation nicht so klappe, wie geplant. Vielmehr könne er sich, ohne große Enttäuschung und Demotivation sagen, dass er noch einen langen Weg vor sich habe, „und somit bleibt weiterhin alles in Fluss.“ Weitere Informationen sind zu finden unter www.haindling.de [1] 

In den nachfolgenden Jahren wird er noch mit verschiedenen, weiteren Preisen und Ehrungen ausgezeichnet; unter anderem, im Jahr 2005, mit dem Bayerischen Verdienstorden und dem Bayerischen Poetentaler der Münchner Turmschreiber sowie, im Jahr 2008, mit der Bayerischen Naturschutzmedaille.

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