Die Mär vom Humanen Sterben in Deutschland

Gleich in der ersten Januarwoche berichteten diverse Nachrichtensender, dass sich die neue GROKO demnächst mit den Themen ‚Aktive Sterbehilfe‘ und Selbstbestimmtes Sterben‘ befassen wolle. Gegenüber der Redaktion von ‚ZDF heute‘ positionierte sich Herr Gröhe bereits im Vorfeld der anstehenden Diskussionen klar  – und wohl auch unumstößlich –  mit einem definitiven „Nein“ zu jedweder Reform.

Bei Interviews zu diesem Themenkreis benutzen Politiker und Professoren auffallend gerne und oft die Begriffe „Ethik“ und „Humanes Sterben“. Es ist nicht verwunderlich, wenn der informierte Bürger dann mitunter den Eindruck gewinnt, als versuche eine Horde von Heuchlern ihn für dumm zu verkaufen. Denn die Fakten sind bekanntermaßen wie folgt:

Von den heute rund 2,5 Mio. Pflegebdürftigen werden etwa zwei Drittel von ihren Kindern oder Ehepartnern zu Hause betreut. Wäre es anders, bräche unser gesamtes Pflegesystem bereits jetzt komplett zusammen. Was aber passiert, wenn es die Möglichkeit der häuslichen Pflege nicht gibt? Millionen von Singles werden bei Pflegebedürftigkeit im Alter auf eine institutionelle Versorgung angewiesen sein. Hinzukommt, dass die Zahl der Menschen, die professionelle Pflege brauchen in den kommenden Jahren ohnehin dramatisch zunehmen wird. Angesichts dieser Entwicklungen kann die seitens der Politik angekündigte Beitragserhöhung von 0,5 Prozent lediglich die Wirkung des berühmten Tropfens auf den heißen Stein haben.

Wer ins Pflegeheim kommt hat eben Pech

Die realistische Perspektive ist somit, dass der jetzigen  – aber noch mehr der kommmenden –  Generation 50Plus der Pflegegau droht. Der Pflegenotstand herrscht bereits: In unseren Alten und Pflegeheimen sterben jährlich Hunderttausende ‚mutterseelenalleine‘, denn sie haben keine Angehörigen, die sich um sie kümmern, und in den Heimen fehlt das Personal und damit auch die Zeit. „Niemand hält ihnen die Hand; niemand steht ihnen bei; niemand begleitet sie in den Tod,“ so das ARD-Magazin Monitor in seiner Ausgabe Nr. 657 vom 30. Januar 2014. Der Bericht mit dem Titel „Tod zweiter Klasse – Sterben im Pflegeheim“ gibt einmal mehr Anlass zu der Annahme, dass sich die Situation in Zukunft auch deshalb eher verschlechtern als verbessern wird, weil ein Hospizplatz bereits heute im Durchschnitt mit 5000 Euro monatlich zu Buchen schlägt.

Ein Platz im Pflegeheim hingegen ist um ein Vielfaches günstiger. Folglich sind die Krankenkassen daran interessiert, dass die Menschen dort bleiben. Palliativmediziner, also Fachärzte, die diese Patienten mit nur noch begrenzter Lebenserwartung ganzheitlich behandeln, sind hier, ebenfalls aus Kostengründen „Mangelware“. Wer in ein Hospiz kommt hat Glück, wer ins Pflegeheim kommt hat Pech,“ bringt es Monitor auf den Punkt.

Kosten und Renditen bestimmen den Zeittakt

Laut Recherchen der Buchautorin und Journalistin Anette Dowideit herrschen „in fast allen Pflegeheimen inhumane Zustände“. Selbst die Umsetzung des Konzeptes „Satt- und Sauberpflege ohne Empathie“ funktioniere mehrheitlich nicht, so Dowideit in der Sendung ‚Menschen bei Maischberger‘ am 18. Februar. Zeit sei Geld, in den sozialen Einrichtungen ebenso wie in Wirtschaftsunternehmen, wo vor allem die zugesagten Renditen die Zeittakte bestimmten.

Bei der Festsetzung dieser Zeittakte werden in der Regel jedoch weder die Bedürfnisse noch Einschränkungen der Patienten berücksichtigt. Braucht beispielsweise ein Mensch mit Parkinson aufgrund seiner motorischen Störungen anstelle der anberaumten fünf Minuten zehn oder gar 15 Minuten für einen Toilettengang, erreicht die Entwürdigung einen erbarmungslosen Höhepunkt: Er wird sich selbst überlassen oder aufgefordert, seinen Darm in die Windeln zu entleeren, und deren Entsorgung erfolgt wiederum nur dann, wenn die Zeit dafür ‚da‘ ist.

Das Wort „altenlieb“ existiert nicht

Immer wieder finden Besucher ihre Angehörigen kotverschmiert vor. In der vergangenen Woche holte Christina S. aus München ihren dementen Vater in eben diesem Zustand aus einem Pflegeheim im Münchner Süd-Westen. Es gelang ihr, ihn zeitnah in einer anderen Institution im Münchner Osten unterzubringen. Hier riet man ihr, Anzeige zu erstatten. Frau S. sagt, sie habe seither Albträume, „denn wir sind die Nächsten, denen das blüht“. Sie ist nicht die Einzige, die rechtliche Schritte unternimmt. Die Klagenschriften in den Amtsgerichten häufen sich. Ein wesentliches Problem sei, dass alte Menschen keine Lobby hätten, so ein Studiogast von Sandra Maischberger. Es gebe zwar das Wort ‚kinderlieb‘, aber nicht das Wort ‚altenlieb‘.

Jede zehnte Fixierung ist illegal

Vermutlich nehmen alle Heime für sich in Anspruch, ethische Prinzipien und Richtlinien zu haben. Dennoch offenbaren Überprüfungen immer wieder, dass selbst Gewaltanwendung keine Seltenheit ist. Zudem verdienen, neben den Trägerschaften, ganze Industrien um so mehr Geld, je länger das Sterben hier dauert. So wird mit allem seditiert und fixiert, was die Zwei-Klassen-Medizin hergibt und unsere Gesetze erlauben. In jedem zehnten Fall erfolgt die Fixierung sogar ohne gesetzliche Genehmigung, wusste Anette Dowideit zu berichten. Dass die untergebrachten Betroffenen ihre Situation und etwaige Missstände zumeist sehr wohl wahrnehmen, zeigen ihre Reaktionen: Sie verfallen in Depression und Lethargie.

Eine nur bedingt gewagte Prognose

Die Begriffe ‚Unrecht‘ und ‚Sünde‘ mögen ihre Berechtigung haben, aber fällt die Entscheidung, dem eigenen Leben ein Ende zu machen, unter den dargestellten oder ähnlich Perspektive losen Umständen, in eine dieser Kategorien?
Die faktischen Gegebenheiten liefern ausschließlich Argumente für

Selbstbestimmtes Sterben und berechtigen zu folgender, nur bedingt gewagter Prognose: Der drohende Zusammenbruch des Systems wird zu einer Enttabuisierung des Selbstbestimmten Sterbens führen: Vieles, was heute noch nicht einmal denkbar ist, wird morgen  – gezwungener Maßen –  praktisch möglich sein. Vielleicht wird es ja sogar in den Pflegeheimen in überwachten Zimmern Automaten geben, zu denen „hoffnungslose Fälle“ Zutritt haben. Und jeder, der sein Dasein als nicht mehr lebenswert und unwürdig empfindet, kann sich mittels einer kleinen Pille selbst ‚ent-sorgen‘. Und diskutiert werden nur noch deren Farbgebung und Geschmacksrichtung.

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